/ / Der große Nachbericht

Das Video:

Am Morgen des 18. Mais war es (endlich) soweit:

 

Gegen 7 Uhr machten wir uns auf den Weg zur MSV-Arena Duisburg, um von dort aus mit dem Fahrrad in Richtung Berlin aufzubrechen.

660 Radwegekilometer lagen auf dem Weg zum DFB-Pokalfinale vor mir, die ich innerhalb von 48 Stunden zurücklegen wollte.

 

Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich hierbei ein relativ ungutes Gefühl im Gepäck hatte: Im Vorfeld war ich von zehn Trainingswochen für dieses Vorhaben ausgegangen, die sich letztlich (Krankheit, Verletzung, Umzug, Arbeitsplatzwechsel) auf mickrige sechs Wochen reduziert hatten.

Anderthalb Wochen vor der Tour war ich noch zum Abschlusstraining in der Eifel gewesen und dabei fürchterlich eingegangen... alles andere als gute Vorzeichen, also.

 

Doch spätestens nach der großzügigen und beispiellosen Ankündigung von PLUS.DE, die Tour als exklusiver Trikotsponsor mit einer Spende über 1.500,- EUR an die Zebrakids e.V. zu unterstützen, gab es kein Zurück mehr.

 

Und so stand ich schließlich um 7.40 Uhr vor der MSV-Arena, ließ das mulmige Gefühl im Begleitfahrzeug zurück, das von meinem Vater gesteuert wurde, und spürte vor lauter Adrenalin selbst meine Erkältung nicht mehr... es konnte losgehen!!

Berlin, Berlin... wir fahren nach Berlin!!!
Berlin, Berlin... wir fahren nach Berlin!!!

Über Oberhausen und Essen ging es nach Gelsenkirchen, der Heimat unseres Endspielgegners.

"Sorry, GE: Smells like Niederlage" facebookte ich von hier aus - rückblickend möchte und muss ich an dieser Stelle wohl nochmals auf meine Erkältung hinweisen. ;-)

 

Weiter ging es über Herten, Castrop-Rauxel, Waltrop, Lünen, Werne und Hamm, wo nach 100 Kilometern der erste Verpflegungspunkt ausgemacht war.

Wir waren von 5:00 - 5:30h Fahrzeit ausgegangen, tatsächlich traf ich allerdings schon nach 4:40h ein, so dass ich alleine am Verpflegungspunkt stand.

 

Um nicht unnötig viel Zeit liegen zu lassen (die Pizza brauchte noch ein paar Minuten), verlegten wir den Treffpunkt kurzerhand ins 25 Kilometer entfernte Beckum.

Dort verschlang ich gierig die Pizza, füllte Getränkehalter + Rucksack auf und tapte meine linke Fußsohle mit Kühlpflastern.

 

Zurück auf dem Rad, erwartete mich der schönste Abschnitt der Tour: Von Oelde über Rheda-Wiedenbrück bis kurz vor Bielefeld wurde die Fahrt zum Selbstläufer: Rückenwind aus Südwest, gute Straßen - ein Traum!


Über Herford quälte ich mich anschließend hingegen nach Bad Oeynhausen, da zwischen den Ortschaften einige steile Rampen auf mich warteten und das imposante Panorama des Weserberglands (in greifbarer Nähe) weitere Anstrengungen verhieß.

 

In Bad Oeynhausen verstärkte ich mich spontan mit einer Cola, bevor es wenige Kilometer später (bei Gesamtkilometer 218) zur zweiten 'echten' Verpflegungspause kam (18:44 Uhr).

Anschließend fuhr mein Vater auf direktem Wege nach Hannover, um unser Nachtquartier zu beziehen.


Als auch ich aufbrach, ahnte ich noch nicht, dass mich circa 60 der nachfolgenden 83 Kilometer auf gröbstem Schotter und einer löchrigen Piste entlang des Mittellandkanals führen sollten, die mit dem Rennrad eine Höchstgeschwindigkeit von gerade einmal 17/18 km/h zuließ, um keinen Defekt zu riskieren... immerhin kam ich so mit einigen Passanten ins Gespräch, die allesamt zutiefst bedauerten, mir keine Alternativroute benennen zu können (Grüße an Melanie mit Hund!).

 

Kurz nach 23 Uhr (und kurz nach Tageskilometer 300) erreichte ich schließlich die Unterkunft in Hannover, wo mich die dritte Pizza des Tages sowie eine wohltuende Dusche erwarteten - und mich das Internet sowie mein Puls noch bis circa 1 Uhr vom Schlaf abhielten.

 


Tag 2:

Um kurz nach sechs Uhr entriss mich der Wecker schon wieder meinem allzu jungen Schlaf und bereitete mir sogleich die Herausforderung des Aufstehens... nur selten zuvor hatte ich mich so alt gefühlt.

 

Nach einer weiteren Dusche, einem Frühstück sowie dem Auftragen einer 'SecondSkin' saß ich um acht Uhr wieder auf dem Rad.

Mich erwarteten zehn weitere Schotter-Kilometer entlang des Mittellandkanals, bevor ab Anderten und Lehrte scheinbare Besserung eintrat... scheinbar(e)!

 

Im weiteren Tagesverlauf ging es immer wieder über unbefestigte Waldwege, Schotterpisten und -vor allem- Kopfsteinpflaster, was für den Kopf (vernünftig/langsam fahren!) und das Material gleichermaßen eine Herausforderung darstellte.

 

Bereits im Hämelerwald (nach circa zwei Stunden) entledigte ich mich jeglicher Thermounterhemden - es versprach ein heißer Tag zu werden...

 

In Weddel (knapp hinter Braunschweig) gab es die erste Verpflegungspause - und vielleicht die schönste Geschichte der Tour:

Pizzabäcker Mario kommt ursprünglich aus Mülheim a.d. Ruhr und ist MSV-Fan. Dementsprechend ließ er es sich nicht nehmen, seine Wünsche für Berlin auf dem Pizza-Karton zu verewigen... neben der "Stiftung Wadentest 3" war ich fortan also auch Kurier der Mission "SIEG MSV":

Pizza 'MSV-Speciale'
Pizza 'MSV-Speciale'

Weiter ging es über Land und Wiese - vor mir lagen Königslutter, Süpplingen und Frellstedt, wo ich auf irgendeiner Kopfsteinpflaster-Passage gegen 14:30 Uhr meine Navi verlor.


Ich malte mir aus, wie (un)glaubhaft es klingen würde, an dieser Stelle und aus diesem Grund die Tour beenden zu müssen, geriet in leichte Panik, fuhr vor und zurück... und fand die Navi schließlich in einer Böschung.

 

Unsagbar erleichtert befestigte ich sie sogleich... selbst das nun einsetzende Unwetter (Platzregen + Gewitter) konnte mich nicht mehr aus der Ruhe bringen.

 

Mit Helmstedt und Bad Helmstedt ging es auf das 'Dach der Tour' - anschließend wurde es (erneut) sehr ländlich, bis ich Magdeburg ansteuerte.

 

Auf Magdeburg folgte abermals eine Passage entlang des ungeliebten Mittellandkanals, doch zu meiner großen Überraschung war dieser Teilabschnitt sehr, sehr gut ausgebaut. Wenn Ihr Euch diesen Abschnitt auf einer Karte anschaut, werdet ihr verstehen, dass ich an einer Stelle außerdem sehr erleichtert war, dass es keinen Seitenwind hatte...

 

Es ging noch einmal durch den Wald, bevor ich gegen 19 Uhr mit Burg die letzte Verpflegungsstation erreichte.

Es gab... Pizza! :-)

Ich rüstete mein Rad und meine Kleidung für die Nacht und packte drei Notfall-Energietuben in meinen Rucksack - schließlich standen noch gut 135 Kilometer auf dem Programm und mein Vater musste nach Berlin vorfahren, um unsere Wohnung zu beziehen.

 

Der Wind kam nun von vorne und die Straßen wurden allesamt nur wenig befahren, was in Kombination mit der einsetzenden Dunkelheit, der eben solchen Kälte und dem späteren Nebel eine leicht gespenstische (und kurzsichtige) Atmosphäre in den Waldstücken ergab.


Die Städte führten immer wieder Kopfsteinpflaster (Grüße nach Brandenburg!), aber in meiner dunklen Einsamkeit war ich fast schon für jede Abwechslung dankbar.

 

Ich dachte in Stunden, später in 10km-Blöcken und irgendwann sehnte ich das Erreichen der Berliner Stadtgrenze herbei wie... naja, sehr stark eben. ;-)

 

Doch es zog sich: Auf Brandenburg folgten zig kleine Dörfchen - dazwischen: Nichts.


Ein Reh kreuzte vor mir die Straße und eine Katze versuchte meinem Lichtkegel zu entkommen... dummerweise rannte sie in Fahrtrichtung, so dass es ein, zwei Minuten dauerte, bis sie verschwunden war.

 

In Elstal wähnte ich mich am Ziel: "Berlin Outlet Center" stand dort... unglücklicherweise verhielt es sich damit so, wie mit dem Flughafen "Frankfurt/Hahn" und Frankfurt...

 

Also fuhr ich durch ein weiteres Waldstück, bevor mich Falkensee erwartete.

Inzwischen leuchtete ich schon vehement die Kennzeichen der parkenden Autos an, um Rückschlüsse auf die Nähe zu Berlin ziehen zu können - und: hoffte.


Kurz hinter Falkensee stand auf einem Werbeschild "Tel: 030/..." - und wenige Minuten später erblickte ich dieses Schild:

...endlich!!
...endlich!!

Ich ballte die Faust, schrie, drehte um, fotografierte das Schild - und fuhr euphorisiert weiter.

0:59 Uhr war es gewesen, als ich Spandau erreicht hatte... exakt 41 Stunden und 19 Minuten, nachdem ich in Duisburg gestartet war.

 

Kurz vor Berlin - Prenzlauer Berg (ca. 20km von Spandau entfernt) ging mir doch noch die Kraft aus... offenbar war die Anspannung mit Erreichen der Stadtgrenze der Müdigkeit gewichen.

 

Auf den letzten Metern überholte mich gar eine Studentin mit ihrem Hollandrad, und ich befand mich bereits im Halbschlaf, als ich gegen 2:30 Uhr die Wohnung erreichte.

 

"Müde. Kaputt. Glücklich." facebookte ich aus dem Bett... und so war es auch.

Über die Reihenfolge war und bin ich mir bis heute (noch) nicht im Klaren.

 

 

Die Tour-Daten laut Tacho:

 

Distanz: 641.19km

 

Fahrzeit netto: 29hrs, 08min, 27sec

Durchschnittsgeschwindigkeit netto: 22.00km/h

 

Fahrzeit brutto: 33hrs, 50min, 00sec (inkl. Ampelstand + Verpflegungspausen)

Durchschnittsgeschwindigkeit brutto: 18.95km/h

 

Tour-Zeit gesamt (Fahrzeit + Zwischenstopp Hannover): 41hrs, 19min, 12sec

 

Exakte Streckendaten:

http://www.endomondo.com/workouts/user/981809

(18. + 19. Mai, leider in 5 Teildatenstücken, da zwischenzeitlich der Empfang abriss)

18. Mai 2011:

Heute startet die Stiftung Wadentest 3!

Gegen 7.00h erfolgt der Start vor der MSV-Arena zu Duisburg und Ihr könnt -fortan- die gesamte Tour LIVE mitverfolgen:

Auf unserer facebook-Fanpage gibt es im linksseitigen Menü den Punkt "LIVE! LIVE! LIVE!" - diesen einfach anklicken & schon schaut Ihr uns auf den virtuellen Fahrrad-Tacho!

 

Viel Spaß!

06. Mai 2011:

So allmählich setzt sie ein, die Pokaleuphorie. Höchste Zeit also, dass wir mit dieser Seite unsere Online-Gefilde beziehen und den frisch geschnittenen Trailer zur Stiftung Wadentest #3 präsentieren.

Bitte besucht auch unbedingt unsere facebook-Fanpage und abonniert unsere Nachrichten mit einem Klick auf "Gefällt mir"; dort werdet ihr am 18. + 19. Mai  die gesamte Tour via GPS-Livestreaming mitverfolgen können!


P.S.: Um es vorwegzunehmen & weil es schon mehrfach gefragt wurde: Nein, ich bin kein Sportler; ich bin Buchhändler! :-)

Und hier der Teaser: